Der Streit um gegenseitige Strafzölle hält die Weltwirtschaft in Atem. Erste Konjunkturdaten zeigen Anzeichen von Verunsicherung. Eine Lösung des Konflikts könnten ausgerechnet die Börsen darstellen.

Man mag Donald Trump vieles vorwerfen können, aber nicht, dass er nicht wüsste, wie man Schlagzeilen produziert. Erst trifft er Nordkoreas Kim Jong-Un, was er selbst als historisches Ereignis feiert. Dann wiederum kreuzt sich sein Weg mit dem von Russlands Wladimir Putin. Und selbst wenn letzteres Treffen in den USA sogar bei den eigenen republikanischen Parteifreunden denkbar schlecht ankam – Trump weiß die Akzente zu setzen. Das gilt auch für das Thema, das seit Monaten die Weltwirtschaft beschäftigt. Im Zuge seiner „America-First“-Kampagne hat er sich in Form von Strafzöllen mit allem angelegt, was in der globalen Welt einen Namen hat. Vor allem Kanada, China und die Europäische Union (EU), speziell Deutschland, ging er mit besonders harter Kritik an, weil sie nach seiner Ansicht mit ihren Einfuhren die US-Wirtschaft stark bedrohen. Und noch ist nicht absehbar, wie weit der Streit noch gehen wird.

Schäden überschaubar – vorerst.

Die im März erhobenen Strafzölle auf Stahl und Aluminium, die unter anderem für Deutschland erst seit Juni gelten, haben dabei noch überschaubare Auswirkungen. Das ifo-Institut etwa beziffert ihren wirtschaftlichen Schaden für China auf 237 Millionen Euro, für die EU und Deutschland auf 509 Millionen beziehungsweise 37 Millionen Euro. Für den US-Nachbar Kanada liegt der Schaden zwar bei 2,88 Milliarden Euro, das entspricht allerdings auch nur vergleichsweise geringen 0,21 Prozent des kanadischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Ein Hochschaukeln des Konflikts könnte laut Jörg Rocholl von der European School of Management and Technology (ESMT) Berlin aber wesentlich größere Auswirkungen haben. Gegenüber MÄRKTE & ZERTIFIKATE sagte Rocholl (siehe Seite 24): „Die Zölle der USA auf Aluminium und Stahl kann man als verkraftbar ansehen. Bei weiteren Maßnahmen wie den Drohungen für höhere Zölle auf Autos sowie bei entsprechenden Gegenmaßnahmen und internationalen Wechselwirkungen würde sich das deutlich anders darstellen.“ Sollten Zölle auf Autos folgen, sähe das in der Tat gerade für die EU und Deutschland anders aus: Die Schäden für die EU lägen laut Ifo-Institut bei 8,53 Milliarden Euro, die für Deutschland bei immerhin 5,04 Milliarden.

US-Handelsdefizit macht Sorgen.

Um noch größere Dimensionen geht es im Duell zwischen den USA und China. Anfang Juli erhoben die USA Strafzölle in Höhe von 25 Prozent auf Importe aus China im Wert von 34 Milliarden US-Dollar. China wiederum konterte mit Strafzöllen auf US-Produkte – worauf die Vereinigten Staaten erneut nachlegten: Nun wollen sie Waren im Wert von 200 Milliarden US-Dollar mit extrahohen Zöllen belegen. Und das Weiterdrehen dieser Spirale ist das, was die Experten beunruhigt. Jörg Rocholl befürchtet etwa: „Am Ende würden nur Verlierer bleiben, in allen beteiligten Ländern und auf allen Seiten, also zum Beispiel Produzenten, Konsumenten und Investoren.“

Erste Verlierer gibt es schon jetzt: Im zweiten Quartal nahm Chinas Wirtschaftsleistung gegenüber der Vorjahresperiode mit 6,7 Prozent langsamer zu, als von Experten erwartet worden war – sie waren von einem Plus von 6,8 Prozent ausgegangen. Diese Nuance ist insofern beunruhigend, als die umfangreichsten Strafzölle der USA erst in das dritte Jahresviertel fallen, also noch gar nicht berücksichtigt sind. Nachgeben dürfte Trump aber wohl kaum, vor allem nachdem im Juni das US-Handelsdefizit mit China mit 28,97 Milliarden US-Dollar auf den höchsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten gestiegen war – gerade diese Kennzahl ist dem US-Präsidenten ja ein Dorn im Auge.

Nicht nur in China macht sich daher Unruhe breit. „Das Risiko, dass die aktuellen Spannungen im Handel weiter eskalieren, ist die größte kurzfristige Bedrohung für das globale Wachstum“, ließ denn auch Maurice Obstfeld, Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), bei der jüngsten Vorstellung des aktualisierten Weltwirtschaftsberichts in Washington verlauten. So bleibt der IWF zwar bei seinen bisherigen Schätzungen für das globale Wirtschaftswachstum von 3,9 Prozent sowohl für dieses als auch für das kommende Jahr. Er senkt aber seinen Ausblick für die Industrieländer leicht um 0,1 Punkte auf nunmehr 2,4 Prozent für 2018.

Börse als Druckmittel.

Fast ist man erstaunt darüber, dass die Turbulenzen um den Handelsstreit die Aktienmärkte bislang nur bedingt beunruhigt haben. Seit Beginn der Strafzollaktivitäten im Januar dieses Jahres ging es etwa für den Dow Jones nur um fünf, für den DAX um rund sieben Prozent bergab. Ironischerweise sind es auch gerade die Börsen, die Donald Trump zum Einlenken bringen könnten. Denn Amerikaner sind an der Börse deutlich stärker engagiert als Europäer und insbesondere Deutsche. Trump hatte mehrfach betont, dass er seinen Erfolg auch an der Entwicklung des heimischen Aktienmarkts messen werde – wenn also die jetzigen Drohungen und Gerüchte auf die Börsenkurse drücken, könnte dies nach Ansicht von nicht wenigen Marktbeobachtern den US-Präsidenten in der Tat zum Umdenken bewegen.

Signale der Hoffnung.

Ein Positives könnte der Handelskonflikt aber schon jetzt mit sich gebracht haben: Möglicherweise ergeben sich neue Allianzen. Auf ihrem jüngsten Gipfel in Peking bestätigten die EU und China, kein Interesse an einem Handelsstreit zu haben. China sendet sogar überraschende Signale der Hoffnung in Richtung Europa, indem es sich in Handelsfragen flexibler gegenüber der EU zeigen und sich Investoren vom Alten Kontinent weiter öffnen wolle.
Und in der Tat scheinen Gespräche die beste Lösung dieses Konflikts zu sein. So raten Experten den Beteiligten zur Rückkehr zum Verhandlungstisch und zum Versuch, ein neues Freihandelsabkommen zu vereinbaren – vielleicht auch in neuen Konstellationen.

Ein Weg, für den sich offenbar zumindest die Europäer entschieden haben. Denn die EU-Delegation, die wenige Tage zuvor in Peking war, hat Mitte Juli in Tokio mit Japan einen Pakt namens JEFTA unterschrieben, das größte Freihandelsabkommen, das die EU bis dato eingegangen ist. Zwar stellt JEFTA keine direkte Reaktion auf Trump dar – das Abkommen war seit 2013 vorbereitet worden –, trotzdem dürfte spannend sein, wie der EU-Japan-Deal im Weißen Haus angekommen ist. Zumindest stand für kurze Zeit mal nicht Donald Trump im Rampenlicht – und das tat mal richtig gut.