Wie schlimm steht es um die Reisebranche? Gibt es Lichtblicke, gar Gewinner? Ursula Kriegl, Associate Partner von Ernst & Young, spricht mit MÄRKTE & ZERTIFIKATE über mögliche Chancen für die Tourismusbranche nach Corona.

MÄRKTE & ZERTIFIKATE: Frau Kriegl, die Corona-Krise hat die Tourismus- und Reisebranche schwer getroffen. Ist die Situation so dramatisch, wie sie aussieht?

Ursula Kriegl: Wir reden in jedem Fall von 2020 schon jetzt von einem der schwierigsten, wenn nicht dem schwierigsten Jahr für die Branche überhaupt. Die Ergebnisprognosen der Unternehmen für das laufende Jahr – so viel lässt sich jetzt schon sagen – sind nicht mehr zu erfüllen.

Lassen sich die Einbrüche schon beziffern?

Dafür hat die Epidemie in den vergangenen Wochen eine zu große Dynamik gezeigt, als dass man dies seriös tun könnte. Prognosen, wann man die Pandemie in den Griff bekommen könnte, können ja noch nicht einmal von Medizinern gemacht werden. Noch Ende Februar hatte alles fast normal ausgesehen, dann beschleunigte die Entwicklung plötzlich. So wurden Branchenmessen, auch die ITB, abgesagt, eine Welle von Stornierungen begann und zudem kommen wenig Vorausbuchungen.

Nachvollziehbar?

Natürlich. Aber das resultiert in leeren Büchern bei den Hotels – und das wiederum macht valide Ausblicke unmöglich. Zudem beruhen Forecastings immer auch auf historischen Erfahrungen – doch diese Krise ist ohne vergleichbares Beispiel in der Vergangenheit. Es gibt zwar manchen Optimisten, der davon ausgeht, dass im Sommer alles vorbei sei und dann wieder eifrig gereist werde. Allerdings sind viele andere da wesentlich skeptischer.

Gibt es überhaupt Lichtblicke?

Corona ist anders als ein herkömmlicher Wirtschaftsabschwung. In diesem könnten Hotels – wenn es ihre Unternehmenspolitik zulässt – Zimmer auch einmal zu günstigeren Preisen anbieten. Doch momentan sind viele Hotels sogar geschlossen, der Reiseverkehr ist zum Erliegen gekommen.

Wenn Corona-Krise erst einmal vorbei ist – wie lange wird die Branche brauchen, um wieder auf die Beine zu kommen?

Da kann man nur mit Szenarien arbeiten. Wenn man sich vergangene Ereignisse wie 9/11 oder SARS anschaut, dann zeigen die Daten von spezialisierten Anbietern, dass es Jahre dauern kann, bis Hotels wieder ihr vorheriges Umsatzniveau erreichten. Selbst wenn es also einen gewissen Nachholbedarf von Seiten der Geschäfts- und Freizeittouristen geben wird, wird eine ziemlich lange Zeit vergehen, bis die Erholung abgeschlossen ist.

Woran liegt das?

Zuerst wird an der Auslastung gearbeitet, auch zu Lasten vom Preis. Irgendwann werden die Preise dann auch wieder angezogen und erst dann kann sich auch wieder die Profitabilität stabilisieren.

Wo sehen Sie Chancen für den Sektor in der Zeit nach Corona?

Auch wenn es Opfer der Krise geben wird, wird es auch einige Unternehmen geben, die gestärkt aus der Krise hervorgehen können, eben weil sie einfach finanziell und strukturell gut aufgestellt sind.

Wie sieht das aus?

Zum einen haben die Unternehmen in der aktuellen Situation die Möglichkeit für eine große Loyalität bei ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu sorgen und trotz Kurzarbeit Teamgeist in der Belegschaft zu wecken.

Wie gelingt das?

In der Regel ist diese Branche geprägt von einer enormen Fluktuation beim Personal –