Weil die Geldmenge ausgeweitet wurde, warnen Experten.

Was ist Inflation? Die Antwort scheint einfach: Wenn alles teurer wird, wenn die Preise für Waren und Dienstleistungen steigen, dann spricht man von Inflation. Dabei ist eine niedrige Inflation durchaus gewünscht, so bis zwei Prozent jährlich. Alles, was darüber geht, gilt als ungesund, als Zeichen dafür, dass etwas mit der Volkswirtschaft nicht stimmt. Nun gut, doch wie entsteht Inflation und wie kann man sie eindämmen? Spätestens jetzt ist es mit den einfachen Antworten vorbei. Solange das Phänomen Inflation in der Wissenschaft behandelt wird, so lange streitet man auch darüber, wie sie entsteht, und erst recht darüber, wie man ihr begegnet.

Jüngstes Zeugnis des Diskurses: ein ZEIT-Interview mit Hans-Werner Sinn, dem ehemaligen Leiter des vielbeachteten ifo-Instituts in München, und Peter Bofinger, Ex-Mitglied im Sachverständigenrat der Wirtschaftsweisen. Während Sinn vor den Gefahren einer Inflation warnt und uns am Vorabend einer massiven Teuerungswelle wähnt, beschwichtigt Bofinger und setzt auf die Handlungsfähigkeit der Zentralbanken. Dabei führen beide durchaus gute Argumente an. Sinn zum Beispiel zeigt anhand weniger Zahlen, wie stark die Geldmenge im Euroraum in den zurückliegenden Jahren ausgeweitet wurde – vor Ausbruch der Eurokrise betrug die in Umlauf gebrachte Geldmenge 1,2 Billionen Euro, nach den beschlossenen Corona-Maßnahmen wird sie voraussichtlich 4,8 Billionen Euro erreichen. Zahlen, die durchaus beeindrucken. Aber Bofinger kontert und stellt die Bedeutung der Zahlen infrage: Nicht die gesamte Geldmenge ist entscheidend, sondern nur M3, die neben dem Bargeld die Bankguthaben von Unternehmen und Haushalten beinhaltet, denn nur dieses Geld steht auch direkt für Ausgaben zur Verfügung – und diese Geldmenge ist seit 2008 im Schnitt jährlich nur um 3,1 Prozent gewachsen. Das hört sich doch gleich schon sehr viel freundlicher an, also doch keine Inflation?

Nun, wenn Sie mich fragen, ich finde beide Argumentationen schlüssig, auch wenn sich am Ende des Tages nur eine als richtig herausstellen kann. Letztendlich wird es wohl darauf ankommen, ob die Zentralbanken rechtzeitig in der Lage sind, die Geldmenge zu reduzieren. Und ob sie das können, das wird noch zu klären sein. Bis dahin heißt es Augen auf. Am kommenden Dienstag werden die Zahlen zum Harmonisierten Verbraucherpreisindex, kurz HVPI, veröffentlicht. Er wird Auskunft darüber geben, wie sich die Preise in Deutschland entwickeln. Nach einem Plus von 0,4 Prozent im April rechnet man nun mit 0,8 Prozent. Das sind Inflationsraten, die kaum Anlass zur Sorge geben. Erst wenn die 2-Prozent-Schwelle gerissen wird, könnte es ungesund werden.