Thema der Woche – Infizierte Daten?

Wirtschaftswachstum und Präsidentschaftswahlen – es wird spannend.

Mit Spannung schaut die Börse auf den kommenden Donnerstag. Dann werden nämlich vom U.S. Bureau of Economic Analysis, kurz BEA, die neuen Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt für das zweite Quartal in den USA gemeldet.

Natürlich sind solche Zahlen immer interessant, geben sie doch Auskunft über die wirtschaftliche Expansion, das Wachstum einer der größten Volkswirtschaften der Welt. Aber diesmal ist die Spannung extrem. Denn die Zahlen werden zeigen, inwieweit die Corona-Pandemie die ökonomische Hochleistungsmaschine USA geschwächt hat. Zum ersten Mal, denn die Zahlen für das erste Quartal, so schlecht sie mit einem Rückgang von fünf Prozent auch schon ausgefallen sind, waren noch zu einem guten Teil aus der Vor-Corona-Zeit. Das zweite Quartal hingegen ist vom Virus im wahrsten Sinne des Wortes durch und durch infiziert. Wie schlecht wird es diesmal? Einige Prognosen gehen von einem Rückgang von 5,1 bis 5,5 Prozent aus. Das wäre nur marginal schlechter als das Vorquartal und insofern eine Erleichterung. Andere gehen sogar von einer steigenden Tendenz aus, sehen das Wachstum respektive den Rückgang bei 4,5 Prozent. Das wäre natürlich noch besser, und für die Börse ein Segen.

Nun, es gibt noch einen weiteren Aspekt, unter dem die neuen Wirtschaftszahlen an Brisanz gewinnen. Denn je schlechter das Wachstum, desto schlechter die Chancen für US-Präsident Trump auf eine Wiederwahl im November. Viele Amerikaner bewerten den Erfolg ihrer Regierungsoberhäupter an deren Können, das Wachstum anzukurbeln und Jobs zu schaffen. Kein Wachstum, kein Job – keine Wiederwahl. So war es zum Beispiel bei George Bush, der 1992 nicht wiedergewählt wurde. Während seiner Amtsperiode rutschten die USA in den Jahren 1991 und 1992 sogar in die Rezession. Das nahmen die Wähler Bush übel, sie wählten den Herausforderer Clinton.

Dabei ist es relativ egal, ob der amtierende Präsident etwas für die schlechte Lage kann. Es zählt nur der Erfolg. Für den Wirtschaftsabschwung zum Anfang der 1990er-Jahre werden allgemein ein sinkender Optimismus in der Wirtschaft, steigende Staatsschulden und eine unverantwortliche Kreditvergabe von Banken genannt. Für diese Gründe kann Bush nur bedingt verantwortlich gemacht werden. Ähnlich die aktuelle Situation, auch Trump ist für den Ausbruch der Pandemie nicht verantwortlich. Vielleicht für das Ausmaß und für das Krisenmanagement, aber sicher nicht für das Virus an sich. Doch am Ende zählt nur die Bilanz, und gegen die muss Trump nun ankämpfen. Warten wir also nicht nur mit Spannung auf die neuen Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt, sondern auch auf einen heißen Wahlkampf in den USA.

Olaf Hordenbach ist Chefredakteur des Kundenmagazins von BNP Paribas MÄRKTE & ZERTIFIKATE. Zuvor war er über viele Jahre Chefredakteur eines großen deutschen Börsenmagazins. Nun ist er seit zwölf Jahren selbstständiger Finanzjournalist.

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Von |2020-06-26T10:32:04+02:0019. Juni 2020|