Gewinner der Ölschwemme

Oft wird Saudi-Arabien als Gewinner des tobenden Preiskriegs am Ölmarkt ausgemacht. Doch das muss nicht so sein, denn für Saudi-Arabien geht es um sehr viel. Und der lachende Dritte könnten ausgerechnet die USA sein.

Unheil braut sich zusammen. Nach dem Platzen der Technologieblase im Jahr 2001 und der Immobilienblase sieben Jahre später könnte es in den USA nun die Ölbranche erwischen. Natürlich hätte ein solches Ereignis weitreichende Auswirkungen, weltweit. Denn mit dem Platzen der Ölblase würden mal wieder auch einige Banken ins Straucheln geraten, die zuvor kräftig in den Energiesektor investiert haben. Wie viel sie investiert haben? Niemand weiß das so recht. Von bis zu 300 Milliarden US-Dollar ist die Rede, die Banken allein der amerikanischen Fracking-Industrie geliehen haben sollen. Mindestens zehn Prozent davon, also rund 30 Milliarden US-Dollar, stuft die US-Bankenaufsicht mittlerweile als „zweifelhaft oder verloren“ ein. Sprich, das Geld wird nicht mehr an die Banken zurückgezahlt werden können.

Zwischen 50 und 80 US-Dollar je Barrel.

Schuld daran ist zum einen der stark gefallene Ölpreis. Notierte er vor dem Sturz Mitte 2014 noch bei über 100 US-Dollar je Barrel der Sorte West Texas Intermediate (WTI), so sind es aktuell weniger als 50 US-Dollar. Die Halbierung kostet Geld, vor allem die Fracking-Industrie. Die Förderung von in Gestein gebundenem Öl mit Hilfe eines Chemiecocktails ist kostspieliger als andere Fördermethoden. Zwischen 40 und 70 US-Dollar, so die grobe Schätzung von Experten, kostet ein Barrel Fracking-Öl. Das heißt unter dem Strich wohl nichts anderes, als dass die Fracking-Industrie um die 50 bis 80 US-Dollar je Barrel benötigt, um die Kosten zu decken und Gewinn zu erzielen.

Schuld daran sind aber auch wieder viele Investoren, die nach dem Platzen der Immobilienblase neue scheinbar lukrative Spekulationsfelder gesucht haben. Banken und Fracking-Industrie boten hier einen dankbaren Anbieter. Sie versprachen hohe Gewinne, ein neues Ölzeitalter. Rückendeckung bekamen sie aus Washington. Dort hatte man sich das Ziel gesetzt, von Öllieferungen aus dem Nahen Osten unabhängiger zu werden. Zudem sollte die Ölproduktion helfen, das Defizit in der Handelsbilanz in den Griff zu bekommen. Manche Optimisten hofften sogar, durch den Wandel der USA von einem Ölimporteur zu einem Exporteur das Schuldenproblem zu beseitigen. Aus dem Verkauf von Öl wäre den USA eine neue wirtschaftliche Stärke erwachsen.

Zum Teil ist diese Rechnung auch aufgegangen, wie die zurückliegenden Jahre zeigen. Der Wirtschaftsboom seit 2009/2010 ist zum Teil auch auf die verstärkte Förderung des heimischen Öls zurückzuführen. Der Ausbau der Fracking-Industrie hat Hunderttausende von Arbeitsplätzen geschaffen, einige Gemeinden wurden durch den Verkauf ihrer Landflächen sogar richtig vermögend. Doch das alles könnte nur ein Strohfeuer
gewesen sein, wie manche Kritiker befürchten. Denn bei dem aktuellen Ölpreis lohnt sich die Förderung oft nicht mehr.

Saudis wollen Konkurrenz verdrängen.

Dass die Ölproduktion in den USA dennoch nicht stärker einbricht – zuletzt wurden rund 9,1 Millionen Barrel am Tag gefördert, im Hoch waren es knapp zehn Millionen Barrel –, hat vor allem zwei Gründe: Zum einen muss die Fracking-Industrie bestehende Lieferverträge erfüllen, sonst drohen hohe Konventionalstrafen. Zum anderen möchte niemand Marktanteile an seinen Konkurrenten verlieren. Deshalb wird auf Teufel komm raus weiter produziert, egal wie am Ende des Tages die Bilanz dann auch aussieht.

Doch das Problem vergrößert sich dadurch nur. Weltweit werdend derzeit mindestens gut eineinhalb Millionen Barrel Öl am Tag zu viel gefördert. Interessenverbände wie die Organisation ölproduzierender Länder, die OPEC, müssten nun dagegenhalten und die Produktion drosseln, um den Ölpreis zu stabilisieren. Doch die OPEC ist längst zu einem Papiertiger verkommen. Ihre Mitglieder halten sich an keine Beschlüsse, sie stimmen Förderbeschränkungen zu, überschreiten diese aber augenblicklich. Und dem ehemaligen OPEC-Teamleiter Saudi-Arabien fehlt es mehr und mehr an Durchsetzungsvermögen. Vielleicht will Saudi-Arabien ja auch gar keine Förderkürzungen, so die Vermutung von Beobachtern. Denn schließlich möchten die Saudis die neue Konkurrenz aus den USA vom Markt drängen. Dazu braucht es einen niedrigen Ölpreis. So niedrig, dass Fracking-Firmen in Konkurs gehen.

Zudem treten immer neue Ölproduzenten auf den Markt. Iran, Irak und Libyen stehen in den Startlöchern, den Weltmarkt mit Öl zu beliefern. Für diese Staaten sind Öllieferungen von existenzieller Bedeutung, sie brauchen das Geld, um ihre kriegszerstörten und embargogebeutelten Volkswirtschaften wieder aufzubauen. Von einem nachhaltig und deutlich steigenden Ölpreis ist also weit und breit nichts zu sehen

Ein neuer Swing-Produzent.

Mit diesem fundamentalen Umfeld im Rücken kann es eigentlich nur zu einem Crash in der US-Fracking-Industrie kommen. Einem großen Knall mit vielen Firmenpleiten. Das ist quasi die „offizielle“ Lesart, die in den Medien weit verbreitet ist.

Doch mit einem großen Knall wäre die Fracking-Industrie nicht zerstört. Insidern zufolge sollen allein Private-Equity- und Hedgefondsgesellschaften für diesen Fall über 60 Milliarden US-Dollar zurückgelegt haben, um bankrotte Fracking-Firmen zu übernehmen. Offiziell mag natürlich niemand diese Zahl bestätigen. Doch sie zeigt, dass die Fracking-Industrie in den USA langfristig durchaus eine Zukunft hat. Eine Einschätzung, die von Ölexperten geteilt wird. So sagte Frank Klumpp von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) in einem Gespräch mit MÄRKTE & ZERTIFIKATE: „Die US-Schieferölproduktion ist längst nicht am Ende. Sobald die Ölpreise wieder steigen, wird auch wieder mehr investiert.“

Letztendlich geht es nämlich darum, dass sich die Amerikaner als neuer Swing-Produzent am Welt-Ölmarkt positionieren wollen. Als Swing-Produzenten bezeichnet man jene Ölförderung, die relativ schnell und kostengünstig hoch und runter gefahren werden und sich so flexibel den Marktgegebenheiten anpassen kann. Früher waren das die Saudis, die ihre Ölproduktion entsprechend angepasst haben. Ihre dominante Stellung am Ölmarkt nutzten sie zur Regulierung des Ölpreises. Die Nachbarstaaten machten dabei mit, schließlich profitierten auch sie von einem stabilen Ölpreis. Doch diese Macht ist zerfallen, der gesamte Nahe Osten ist in sich völlig zerstritten

Saudi-Arabien könnte Machtposition verlieren.

Dieses Machtdefizit am Ölmarkt möchten die USA für sich nutzen. Sie wollen die Rolle des preisbestimmenden Swing-Produzenten belegen. Und die Entwicklung der Fracking-Industrie in ihrem Land gibt ihnen dazu das nötige Werkzeug. „Es kostet nur zehn Millionen US-Dollar und gerade einmal 20 Tage, um nach Öl in Schiefergas zu bohren“, so Daniel Yergin von IHS Cambridge Energy Research Associates. Die neue Dynamik der Ölförderung in den USA ist damit zu einer großen Bedrohung für Saudi-Arabien geworden. Das gilt unabhängig davon, dass der US-Fracking-Industrie in den kommenden Monaten harte Zeiten bevorstehen und es sicherlich zu einigen Konkursen kommen wird.

Insofern ist die oft gehörte Meinung, dass sich Saudi-Arabien im derzeit tobenden Preiskrieg am Ölmarkt aufgrund seiner niedrigen Produktionskosten – man rechnet zwischen zehn und 15 US-Dollar je Barrel – entspannt zurücklehnen kann, nicht richtig. Letztendlich geht es um den Einfluss der Saudis am Ölmarkt und um ihre Machtposition im Nahen Osten. Und diesen Einfluss, diese Position könnten sie endgültig verlieren, da sie nicht länger allein den Schlüssel zur Regulierung des Ölpreises in der Hand halten. Zudem haben sie selbst mehr und mehr mit dem niedrigen Ölpreis zu kämpfen. Im zurückliegenden Jahr mussten sie ein Rekorddefizit von 100 Milliarden US-Dollar im Staatshaushalt verbuchen. Im Gegenzug wurden nun Subventionen gekürzt. Doch Subventionen sind ein Mittel, mit dem sich das saudische Königshaus Rückhalt in der Bevölkerung erkauft. Werden die Subventionen gestrichen, schmälert das zunehmend die Macht der Regierung. Die Zeit arbeitet also gegen die Saudis. Ihre Strategie des niedrigen Ölpreises wendet sich gegen sie selbst, die US-Fracking-Industrie wird sie nicht zerstören.

Hohe Schwankungen.

Um hier kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Saudi-Arabien ist und bleibt ein wichtiger Ölproduzent. Doch die USA werden in Zukunft mitbestimmen, wohin es mit dem Ölpreis geht. Da die Fracking-Industrie im Bereich von 50 bis 80 US-Dollar gewinnbringend arbeiten kann, wäre es nicht vermessen, darauf zu spekulieren, dass diese Bandbreite wieder erreicht wird. Das wird nicht heute oder morgen sein. Doch auf Sicht von zwei bis drei Jahren wäre diese Zielspannbreite denkbar. Doch Vorsicht, zwischendurch ist mit erheblichen Schwankungen zu rechnen. Volatile Ausschläge im zweistelligen prozentualen Bereich dürften dabei keine Ausnahme sein.

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